Interview mit Franz Heckens, Vorsitzender der Initiative Pro Bürgerbus NRW e.V.
ACE-Online: Wie viele Bürgerbus-Projekte werden zurzeit in Deutschland betrieben?
Franz Heckens: Schätzungsweise etwa 150. Eine genaue Erhebung gibt es nicht – so wie es keine bundeseinheitliche Definition gibt, was unter einem Bürgerbus verstanden wird. In NRW fahren derzeit 88 Bürgerbusse.
ACE-Online: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um Bürgerbusse einzurichten?
Franz Heckens: Das Land NRW fördert Bürgerbusse, wenn ein Bürgerbus-Verein gegründet wurde, wenn die Ortsgemeinde erklärt hat, die entstehenden Betriebskostendefizite zu tragen, und wenn ein Verkehrsunternehmen das Bürgerbus-Projekt betreuen wird. Darüber hinaus muss das Fahrzeug bestimmten Ausstattungskriterien genügen und der Bus muss im Jahr auf mindestens 20.000 km eingesetzt werden.
ACE-Online: In welchen Regionen halten Sie den Einsatz von Bürgerbussen für besonders sinnvoll?
Franz Heckens: Grundsätzlich überall da, wo es keinen ausreichenden ÖPNV gibt, aber ein gewisses Fahrgastpotenzial zu erwarten ist. Bürgerbusse decken eine Lücke im ÖPNV-Angebot zwischen den Rufsystemen und dem normalen Linienbus ab. Durchschnittlich sollten zwei bis drei Fahrgäste pro Fahrt zu erwarten sein. Diese Verhältnisse finden sich oft im ländlichen Raum, wo Ortschaften nicht ausreichend an den Ortskern mit seiner Infrastruktur angebunden sind, weil der Einsatz eines Linienbusses wirtschaftlich nicht vertretbar ist. Es gibt aber auch Bürgerbusse in Remscheid oder Essen.
ACE-Online: Welches Fahrgastpotenzial fühlt sich durch Bürgerbusse besonders angesprochen?
Franz Heckens: Tatsächlich wird der Bürgerbus sehr oft von älteren Personen in Anspruch genommen. Das hängt aber weitgehend von der Linienführung und von den erschlossenen Bereichen ab. Es gibt bei verschiedenen Bürgerbus-Projekten auch spezielle Kindergartenlinien. In vielen Fällen werden auch überproportional viele Schwerbehinderte befördert.
ACE-Online: Besteht die Gefahr, dass Bürgerbusse zum Anlass genommen werden, den ÖPNV weiter auszudünnen?
Franz Heckens: Grundsätzlich nicht. Bürgerbusse stellen eine Ergänzung zum vorhandenen ÖPNV dar und leisten oft eine Zubringerfunktion. Da die Kapazität im Bürgerbus begrenzt ist, kann er keinen funktionierenden Linienbetrieb ersetzen. Dass wegen eines Bürgerbusses eine normale Buslinie eingestellt wurde, ist mir nicht bekannt. Allerdings wurden dagegen Bürgerbuslinien in den regulären ÖPNV überführt, da ein Fahrgastpotenzial geweckt wurde, das mit dem Bürgerbus nicht mehr zu befördern war.
ACE-Online: Werden Bürgerbusse analog zum ÖPNV mit Fahrplan und festem Streckennetz betrieben oder nach individuellem Bedarf?
Franz Heckens: In NRW fahren nur Bürgerbusse nach festem Fahrplan und auf vorgegebener Linie. In dieser Beziehung stellen Bürgerbusse vollkommen normalen ÖPNV dar.
ACE-Online: Ist der Fahrgast eines Bürgerbusses versicherungsrechtlich genauso abgesichert wie der eines Stadtbusses?
Franz Heckens: Es handelt sich auch in dieser Beziehung um vollkommen normalen ÖPNV. Auch aus diesem Grund werden Bürgerbus-Projekte von Verkehrsunternehmen betreut, die auch deren Konzession tragen. Im Übrigen sind auch die Bürgerbusfahrer wie Berufsbusfahrer abgesichert.
ACE-Online: Wie finanzieren sich die Bürgerbus-Initiativen? Schließlich erfordert allein die Anschaffung eines geeigneten Fahrzeugs immense Mittel?
Franz Heckens: Das Land NRW fördert die Fahrzeugbeschaffung mit einem Festbetrag von derzeit 32.000 € in der Regel alle sieben Jahre. Die Vereine erhalten eine Organisationspauschale von 5.000 € jährlich, mit der z B. die Bürotätigkeiten und Gebühren für Gesundheitsuntersuchungen der Fahrerinnen und Fahrer bezahlt werden. Die Einnahmen setzen sich aus den Fahrgeldeinnahmen, der Schwerbehindertenerstattung nach SGB sowie aus Werbeeinnahmen zusammen. Für die Restkosten, explizit aus dem laufenden Betrieb, müssen die Kommunen aufkommen. Die Defizite überschreiten in der Regel keine 5.000 € im Jahr, es gibt durchaus auch Bürgerbusse, die kostendeckend fahren.
ACE-Online: Was Bürgerbusse betrifft ist NRW bundesweiter Vorreiter. Gibt es in anderen Teilen Deutschlands weniger Bedarf?
Franz Heckens: Was die Flächenländer betrifft sicherlich nicht, wobei der Bedarf auch abhängig vom allgemeinen ÖPNV-Angebot ist. Die Vorreiterrolle ergibt sich daraus, dass NRW vor 25 Jahren die ersten Pilotprojekte initiiert hat, eine spezielle Förderung zur Verfügung stellt und das Thema auch im Verkehrsministerium durch engagierte Ansprechpartner relativ hoch angesiedelt hat. Weiter wird hier ein Kooperationskonzept als Fördervoraussetzung zugrunde gelegt, so dass der Betrieb langfristig gesichert ist. In den bisherigen 25 Jahren mussten lediglich zwei Projekte eingestellt werden. Die große Anzahl ist sicherlich auch auf den Schneeballeffekt zurück zu führen. Das Modell Bürgerbus ist hier mittlerweile recht gut bekannt.
ACE-Online: Ist für die Zukunft die Einrichtung weiterer Bürgerbusse in NRW geplant?
Franz Heckens: Derzeit befinden sich etwa zehn Projekte in der Vorbereitungsphase. Seitens der Landesregierung gibt es keine Signale, die Förderung der Bürgerbusse in Frage zu stellen – unabhängig von der Anzahl.
ACE-Pressemitteilung: Bürgerbusse




