Ratgeber: Unfallrisiko
Immer in Top-Form
Entspanntes Fahren
Wer Termin vereinbart, muss genügend Puffer in der Fahrtzeit einkalkulieren. Dann reicht es sogar für einen Kaffee in der Pause
Entspanntes Fahren
Verspätet? Die verlorene Zeit nicht im Verkehr wettmachen, sondern beim Terminpartner anrufen und den Zeitpunkt verschieben
Der Motor dreht hoch, der Fahrer dreht durch. Harry H. ist schon auf 180, als er ins Auto steigt. Punkt neun ist die Besprechung bei seinem heikelsten Kunden angesetzt, und ausgerechnet heute streikt der Wecker. Erst schlecht geschlafen und dann doch verpennt, das Frühstück bestand nur aus Kaffee und Zigaretten – und jetzt ist der gute Mann richtig gereizt. Mit flotter Fahrweise könnte er den Termin noch halten, aber jede Ampel springt auf Rot und jedes Auto vor ihm schleicht nur so dahin. "Jetzt mal Tempo, Schlafmütze", flucht der Gehetzte und versucht mit Lichthupe und Gasfuß sich seinen Weg freizubahnen.
Drängeln, Schneiden, Ausbremsen – enormer Zeitdruck bestimmt die Fahrmanöver und erhöht das Unfallrisiko um ein Vielfaches. Stress ist häufig Auslöser von Karambolagen, auch wenn später in der Statistik andere Ursachen auftauchen, etwa überhöhte Geschwindigkeit oder zu geringer Abstand.
"Zeitdruck und Stress sind oft hausgemacht", sagt Renate Hanstein. Den Wecker um eine halbe Stunde früher gestellt, die Fahrtzeit nicht so knapp eingeschätzt oder einfach einen zeitlichen Puffer eingerechnet – und schön könnte jede Fahrt viel entspannter verlaufen, ist sich die Expertin von der Verkehrssicherheit beim ACE gewiss. Und auch für Harry H. hat die Fachfrau einen Tipp parat. "Wenn er gleich bei seinem Kunden angerufen, sich entschuldigt und einen späteren Termin vereinbart hätte, wäre ein Großteil des Drucks während der Fahrt von ihm abgefallen!"
Denn diese Last, die auf Seele und Körper drückt, schlägt sich leicht in aggressivem Verhalten nieder. Nicht immer nimmt der Gestresste seinen Zustand richtig wahr: wirklich aggressiv erscheinen natürlich immer nur die anderen, die den emotional erregten Autofahrer in seiner Mobilität behindern. Symptomatisch dafür erscheint die aktuelle Erhebung vom Internetportal mobile.de, die jetzt veröffentlicht worden ist. Gefragt war: Was nervt die Autofahrer im Straßenverkehr am meisten? Antwort: Es sind unsichere und vermutlich langsame Fahrer, die den Großteil auf die Palme bringen. Nicht die aufdringlichen Drängler und nervösen Spurwechsler, wie eigentlich anzunehmen wäre.
Konflikte während einer Autofahrt zu vermeiden ist inzwischen Schulstoff – in Fahrschulen sind Strategien zur Stressbewältigung Thema in den theoretischen Unterrichtstunden. ACE LENKRAD ging für die Fotoaufnahmen mit Alexandra Janowski auf Strecke. Stadtverkehr und Landstraßen zur Rushhour, dazu dichte Kolonnen während der Autobahnfahrt. Die junge Auszubildende, noch in der Bewährungszeit ihres Probeführerscheins, lässt sich weder vom Beifahrer noch vom drängelnden Hintermann aus der Ruhe bringen. Sie hat ihre geeignete Taktik als Fahrerin gefunden. Die 21-Jährige bemüht sich – seit sie fährt – erfolgreich, alle Tempovorschriften zu beachten und sich auch auf keine "Zweikämpfe" oder "Vorteilsmanöver" einzulassen. Ruhig, defensiv und mit Übersicht steuert sie den Audi durch die Gassen.
Doch lässt sich eine regelkonforme und gelassene Fahrweise ein ganzes Autofahrerleben auch durchhalten? Leistungsdruck im Beruf oder Ärger in der Familie kann der Mensch am Lenkrad nicht immer so einfach von sich abschütteln. Er fährt und fährt und plötzlich wird ihm klar, dass er sich an die letzten Kilometer bewusst gar nicht erinnern kann. War die Ampel tatsächlich grün? Das sind erste Anzeichen von Überlastung, das Gehirn ist blockiert.
Was ist überhaupt Stresst? Die Wissenschaft versteht ihn als Antwort des Körpers auf Belastungen aller Art. Und jeder Mensch reagiert unterschiedlich, wenn er im roten Bereich rotiert. Stress verursacht im menschlichen Organismus Hochbetrieb: Hormone wie Adrenalin und Cortisol schütten aus, der Puls rast, der Blutzuckerspiegel steigt und der Fettstoffwechsel mobilisiert die Energiereserven. Die Herzfrequenz erreicht Werte, die sonst nur bei schwerer Anstrengung auftreten. Der Körper ist unter Stress auf Vollgas programmiert – und muss im Leerlauf bleiben. Denn der Fahrer sitzt, ohne sich groß zu bewegen, hinterm Lenkrad.
Das neuronale Feuerwerk indessen beeinträchtigt trotzdem sein Handeln. Auf bis zu fünf Informationen pro Sekunde kann sich ein Mensch, der fit und ausgeruht am Lenkrad sitzt, konzentrieren. Unter Stressbedingungen verengt sich der Infokanal auf zwei Botschaften, zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler der Uni Bremen. "Den habe ich gar nicht gesehen. Wo ist der denn plötzlich hergekommen?", hören dann Polizeibeamte bei der Unfallaufnahme.
"Wir glauben, noch sicher zu fahren, während wir bereits stressbedingte Ausfallerscheinungen zeigen und der Gefahr längst nicht mehr gewachsen sind", sagt der Herforder Verkehrspsychologe Hartmut Kerwien. Erste Warnsignale muss jeder Fahrer ernst nehmen. Ein typisches Zeichen sei Selbstvergessenheit. Wer sich nicht mehr erinnern kann, wie er die letzten Kilometer zurückgelegt hat, oder ein Stoppschild zu spät wahrnimmt, fährt mit einem überlasteten Informationshaushalt durch den Straßenverkehr. Auch das gleichgültige Verhalten gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern ist laut Kerwien ein typisches Zeichen für einen Stresszustand.
In der jetzigen Jahreszeit strapazieren die Witterungsverhältnisse zusätzlich das Nervenkostüm. Viele Autofahrer empfinden Nebel, Regen, Glätte und Dunkelheit als starke psychische Belastung. Vor allem Glätte wirkt bei den meisten Autofahrern als Stressauslöser.
Gelassenheit ist das Gegenrezept zu den emotionalen Eruptionen. Psychologisch betrachtet heißt Gelassenheit, es auch mal lassen zu können und nicht von einer Strategie (nämlich trotz Verspätung noch pünktlich ankommen zu wollen) besessen zu sein. Hektik und Stress führen zu eindimensionalen Sichtweisen, wer davon befallen ist, sieht keine Alternative mehr (und muss drängeln und schnell fahren). Nur wer die Ruhe behält, erkennt mögliche Handlungsalternativen. Unter dem Begriff Kondition verstehen Wissenschaftler nicht nur die körperliche Fitness und Leistungsfähigkeit eines Autofahrers. Sie zählen auch emotionale Faktoren, wie zum Beispiel die Stimmung und Motivation, dazu.
Und schlechtes Wohlbefinden im Auto fängt eigentlich ganz banal an: hoher Geräuschpegel im Fahrzeug, mangelhafte Be- und Entlüftung, ungünstige Sitzposition oder schlechter Fahrwerkskomfort beeinflussen die Handlungsfähigkeit eines Autofahrers. Auch schlechte Sichtverhältnisse verursachen Körperalarm, weil dann beim Fahren eine weit größere Konzentration aufgebracht werden muss.
Sich entspannt und gelassen ans Lenkrad zu setzen, mag nicht immer gelingen. Aber es kann bei jeder Fahrt trainiert werden. Das Bewusstsein bestimmt das Sein – der Vorsatz heißt: Heute bin ich freundlich, höflich und zuvorkommend zu den anderen. Und der Fahrer sollte darauf achten, wirklich gut an seinem Arbeitsplatz im Auto zu sitzen, wohltemperiert, wohlgegurtet und wohlgelaunt.
Bequem sitzen
Die einen lümmeln sich lässig und liegen fast hinter dem Steuer, die anderen sitzen kerzengerade aufrecht und ganz dicht am Lenkrad. Das ermüdet schnell, kostet Konzentration und ist im Falle eines Crashs sehr ungünstig.
Nur mit der richtigen Sitzeinstellung schont der Mensch seine Wirbelsäule und fährt entspannt. Der Sitzabstand nach vorne stimmt, wenn die Fußsohle – auf keinen Fall nur die Zehenspitzen – voll auf dem durchgedrückten Pedal aufliegt. Das Bein sollte dabei noch leicht angewinkelt sein. Die angelehnten Arme sind auch leicht angewinkelt. Die Neigung der Rückenlehne ist richtig eingestellt, wenn der komplette Rücken guten Kontakt zur Lehne hat. Wenn die Handballen auf den oberen Lenkradkranz gelegt werden können, ohne dass die Schultern den Kontakt zur Lehne verlieren, ist die Sitzposition perfekt. Die Höhe des Sitzes sollte so abgestimmt sein, dass der Fahrer ein gutes Gefühl für die Übersicht seines Fahrzeugs bekommt. Die Kopfstütze ist richtig eingestellt, wenn sie mit der Oberkante des Kopfes abschließt. Die Hände sollen in den Positionen drei und neun Uhr das Lenkrad greifen.
Gute gegurtet
Kinderkram – den Gurt richtig anlegen, das kann doch jeder, mag so mancher Leser denken. Fehlanzeige: Immer wieder müssen ACE-Moderatoren bei Sicherheitstrainings erst einmal Sitzposition und Gurtführung bei Teilnehmern korrigieren.
Denn richtig schützen kann der Gurt nur, wenn er richtig angelegt ist. Im Winter schnallen sich viele Fahrer an, obwohl sie in dicke Wintermäntel oder Daunenjacken eingehüllt sind. Dann sitzt der Gurt nicht eng genug am Körper, das beeinträchtigt seine Rückhaltefunktion.
Vor der Abfahrt ist ein prüfender Blick auf das Gurtband nicht verkehrt: es darf nicht verdreht sein, der Beckengurt sollte auch wirklich übers Becken (und nicht am Bauch entlang) verlaufen und der Schultergurt ist ideal in Position, wenn er diagonal über den Brustkorb verlauft. Er darf nicht am Hals scheuern!
Den Schultergurt nach dem Anlegen erst einmal richtig straff ziehen, dass er eng anliegt. Die Gurthöhenverstellung in der B-Säule ermöglicht einen idealen Verlauf des Gurts bei jeder Körpergröße. Ganz wichtig: Kinder bis zwölf Jahre oder 1,50 Meter Körpergröße in Kindersitzen sichern – auch bei ganz kurzen Fahrten.
Prima Klima
Nachdem das Fahrzeug gestartet ist, kann die Klimaanlage ruhig auch in den Wintermonaten laufen – mindestens in den ersten Minuten. Denn die Anlage entfeuchtet den Innenraum – beschlagene Scheiben verschwinden im Nu. Wer die seitlichen Belüftungsdüsen so einstellt, dass die Luft an den Seitenscheiben entlangströmt, und die mittleren Düsen in Richtung Brust und Schoß von Fahrer und Beifahrer richtet, schafft sich die Basis für ein behagliches Klima. Die Temperaturen nicht zu hoch (im Winter) und nicht zu niedrig (im Sommer) einstellen: 20 bis 22 Grad Celsius empfinden die meisten Insassen als angenehm.
Im Sommer: Ist der Innenraum stark aufgeheizt, sollte nach dem Start die Klimaanlage einige Minuten im Umluftbetrieb laufen. Das kühlt schneller ab. Kalte Luft nicht in den Fußraum lenken – das sorgt unmerklich für kalte Füße und schränkt die Konzentration ein. Im Winter beugt der regelmäßige Betrieb der Klimananlage außerdem einem Kältemittelverlust und teuren Reparaturen vor. Wer seine Klimaanlage mehrfach monatlich für ein paar Minuten laufen lässt, schmiert damit den Kompressor und die Dichtungen.
ACE-Tipp
Die Verkehrssituation können Sie nicht beeinflussen. Aber Ihren Stressfaktor können Sie ändern.
Für jede Fahrt ein ausreichendes Zeitpolster einplanen. Zeitdruck ist der größte Stressfaktor. Staus wirken dann wie Benzin, das ins Feuer geschüttet wird.
Wenn Sie bemerken, dass Sie den Termin nicht mehr rechtzeitig wahrnehmen können: Halten Sie an und teilen Sie dies der Person telefonisch mit.
Halten Sie kurz inne, ehe Sie den Motor starten. Denken Sie daran, dass Sie ganz gelassen fahren wollen. Seien Sie höflich und suchen Sie den Blickkontakt zu anderen Fahrern und Fußgängern. Ein freundlicher Blick oder eine entschuldigende Geste wirken Wunder.
Aufmerksam die eigenen Reaktionen beobachten. Akuter Stress äußert sich in negativen Gedanken und aggressiven Selbstgesprächen, Gefühle schaukeln auf.
Wettbewerb und fahrerischer Ehrgeiz haben im Straßenverkehr nichts zu suchen. Schnelle Spurts und quietschende Reifen finden dort keine Bewunderer.
Verwandeln Sie eine "Dienstfahrt" ab und zu in eine "Spazierfahrt" – ohne Stress und Zeitdruck. Fahren Sie früher los und wählen sie sich zur Belohnung eine schönere Fahrtroute aus. Entspannen Sie während dieser Tour.
Stellen Sie einen Radiosender ein, der ruhige Musik auflegt. Diese verlangsamt den Puls und fördert dadurch die innere Ruhe. Oder hören Sie Ihre Lieblings-CD (oder MP3). Die positiven Emotionen, die Sie damit verbinden, reduzieren negative Gedanken.









