Ratgeber: Unfallrisiko

Immer in Top-Form

01.02.2010 12:00

Es ist manchmal mehr als ein kleines Kunststück: im Straßenverkehr gelassen zu bleiben. Doch Stress treibt nicht nur den Puls des Fahrers hoch, auch das Unfallrisiko steigt.


Entspanntes Fahren

Wer Gelassen im Auto fährt, lebt gesünder und verringert sein Unfallrisiko

Entspanntes Fahren

Wer Termin vereinbart, muss genügend Puffer in der Fahrtzeit einkalkulieren. Dann reicht es sogar für einen Kaffee in der Pause

Entspanntes Fahren

Verspätet? Die verlorene Zeit nicht im Verkehr wettmachen, sondern beim Terminpartner anrufen und den Zeitpunkt verschieben

Entspanntes Fahren

Beide Hände ans Lenkrad: Mit den Uhrzeitstellungen viertel vor drei oder zehn vor zwei hat ein Fahrer den richtigen Griff

Entspanntes Fahren

Prima Klima an Bord: Die Raumtemperatur spielt eine wichtige Rolle, sie sollte bei etwa 21 Grad Celsius liegen

Der Motor dreht hoch, der Fahrer dreht durch. Harry H. ist schon auf 180, als er ins Auto steigt. Punkt neun ist die Besprechung bei seinem heikelsten Kunden angesetzt, und ausgerechnet heute streikt der Wecker. Erst schlecht geschlafen und dann doch verpennt, das Frühstück bestand nur aus Kaffee und Zigaretten – und jetzt ist der gute Mann richtig gereizt. Mit flotter Fahrweise könnte er den Termin noch halten, aber jede Ampel springt auf Rot und jedes Auto vor ihm schleicht nur so dahin. "Jetzt mal Tempo, Schlafmütze", flucht der Gehetzte und versucht mit Lichthupe und Gasfuß sich seinen Weg freizubahnen.

Drängeln, Schneiden, Ausbremsen – enormer Zeitdruck bestimmt die Fahrmanöver und erhöht das Unfallrisiko um ein Viel­faches. Stress ist häufig Auslöser von Ka­ram­bolagen, auch wenn später in der Sta­tistik andere Ursachen auftauchen, etwa über­höhte Geschwindigkeit oder zu geringer Abstand.

"Zeitdruck und Stress sind oft hausgemacht", sagt Renate Hanstein. Den Wecker um eine halbe Stunde früher gestellt, die Fahrtzeit nicht so knapp eingeschätzt oder einfach einen zeitlichen Puffer eingerechnet – und schön könnte jede Fahrt viel entspannter verlaufen, ist sich die Expertin von der Verkehrssicherheit beim ACE gewiss. Und auch für Harry H. hat die Fachfrau einen Tipp parat. "Wenn er gleich bei seinem Kunden angerufen, sich entschuldigt und einen späteren Termin vereinbart hätte, wäre ein Großteil des Drucks während der Fahrt von ihm abgefallen!"

Denn diese Last, die auf Seele und Körper drückt, schlägt sich leicht in aggressivem Verhalten nieder. Nicht immer nimmt der Gestresste seinen Zustand richtig wahr: wirk­lich aggressiv erscheinen natürlich immer nur die anderen, die den emotional erregten Autofahrer in seiner Mobilität behindern. Symptomatisch dafür erscheint die aktuelle Erhebung vom Internetportal mobile.de, die jetzt veröffentlicht worden ist. Gefragt war: Was nervt die Autofahrer im Straßenver­kehr am meisten? Antwort: Es sind unsichere und vermutlich langsame Fahrer, die den Großteil auf die Palme bringen. Nicht die aufdringlichen Drängler und nervösen Spurwechsler, wie eigentlich anzunehmen wäre.

Konflikte während einer Autofahrt zu vermeiden ist inzwischen Schulstoff – in Fahr­schulen sind Strategien zur Stressbe­wäl­tigung Thema in den theoretischen Unter­richtstunden. ACE LENKRAD ging für die Fotoaufnahmen mit Alexandra Janowski auf Stre­cke. Stadtverkehr und Landstraßen zur Rushhour, dazu dichte Kolonnen wäh­rend der Autobahnfahrt. Die junge Aus­zubil­den­de, noch in der Bewährungszeit ihres Probe­führerscheins, lässt sich weder vom Beifah­rer noch vom drängelnden Hintermann aus der Ruhe bringen. Sie hat ihre geeignete Taktik als Fahrerin gefunden. Die 21-Jäh­rige bemüht sich – seit sie fährt – erfolgreich, alle Tempovorschriften zu be­achten und sich auch auf keine "Zwei­kämpfe" oder "Vorteilsmanöver" einzulassen. Ruhig, de­fensiv und mit Übersicht steuert sie den Audi durch die Gassen.

Doch lässt sich eine regelkonforme und gelassene Fahrweise ein ganzes Autofah­rerleben auch durchhalten? Leistungsdruck im Beruf oder Ärger in der Familie kann der Mensch am Lenkrad nicht immer so einfach von sich abschütteln. Er fährt und fährt und plötzlich wird ihm klar, dass er sich an die letzten Kilometer bewusst gar nicht er­innern kann. War die Ampel tatsächlich grün? Das sind erste Anzeichen von Überlastung, das Gehirn ist blockiert.
Was ist überhaupt Stresst? Die Wissenschaft versteht ihn als Antwort des Körpers auf Belastungen aller Art. Und jeder Mensch reagiert unterschiedlich, wenn er im roten Bereich rotiert. Stress verursacht im mensch­lichen Organismus Hochbetrieb: Hormone wie Adrenalin und Cortisol schütten aus, der Puls rast, der Blutzuckerspiegel steigt und der Fettstoffwechsel mobilisiert die Energiereserven. Die Herzfrequenz erreicht Werte, die sonst nur bei schwerer Anstren­gung auftreten. Der Körper ist unter Stress auf Vollgas programmiert – und muss im Leerlauf bleiben. Denn der Fahrer sitzt, ohne sich groß zu bewegen, hinterm Lenkrad.

Das neuronale Feuerwerk indessen beeinträchtigt trotzdem sein Handeln. Auf bis zu fünf Informationen pro Sekunde kann sich ein Mensch, der fit und ausgeruht am Lenk­rad sitzt, konzentrieren. Unter Stressbedin­gungen verengt sich der Infokanal auf zwei Botschaften, zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler der Uni Bremen. "Den habe ich gar nicht gesehen. Wo ist der denn plötzlich hergekommen?", hören dann Polizeibeamte bei der Unfall­aufnahme.

"Wir glauben, noch sicher zu fahren, wäh­rend wir bereits stressbedingte Ausfall­erschei­nungen zeigen und der Gefahr längst nicht mehr gewachsen sind", sagt der Her­forder Verkehrspsychologe Hartmut Ker­wien. Erste Warnsignale muss jeder Fahrer ernst nehmen. Ein typisches Zeichen sei Selbstvergessenheit. Wer sich nicht mehr erinnern kann, wie er die letzten Kilometer zurückgelegt hat, oder ein Stoppschild zu spät wahrnimmt, fährt mit einem überlasteten Informationshaushalt durch den Stra­ßenverkehr. Auch das gleichgültige Verhal­ten gegenüber anderen Verkehrsteilneh­mern ist laut Kerwien ein typisches Zeichen für einen Stresszustand.

In der jetzigen Jahreszeit strapazieren die Witterungsverhältnisse zusätzlich das Ner­ven­kostüm. Viele Autofahrer empfinden Nebel, Regen, Glätte und Dunkelheit als starke psychische Belastung. Vor allem Glätte wirkt bei den meisten Autofahrern als Stressauslöser.

Gelassenheit ist das Gegenrezept zu den emotionalen Eruptionen. Psychologisch betrachtet heißt Gelassenheit, es auch mal lassen zu können und nicht von einer Stra­tegie (nämlich trotz Verspätung noch pünktlich ankommen zu wollen) besessen zu sein. Hektik und Stress führen zu eindimensionalen Sichtweisen, wer davon befallen ist, sieht keine Alternative mehr (und muss drängeln und schnell fahren). Nur wer die Ruhe behält, erkennt mögliche Handlungs­alter­nativen. Unter dem Begriff Kondition verstehen Wissenschaftler nicht nur die körperliche Fitness und Leistungsfähigkeit eines Auto­fahrers. Sie zählen auch emotionale Fak­toren, wie zum Beispiel die Stimmung und Motivation, dazu.

Und schlechtes Wohlbefinden im Auto fängt eigentlich ganz banal an: hoher Geräusch­pegel im Fahrzeug, mangelhafte Be- und Entlüftung, ungünstige Sitz­posi­tion oder schlech­ter Fahr­werkskomfort beeinflussen die Hand­lungs­fähigkeit eines Autofahrers. Auch schlechte Sichtverhältnisse verursachen Kör­peralarm, weil dann beim Fahren eine weit größere Kon­zentration aufgebracht werden muss.

Sich entspannt und gelassen ans Lenkrad zu setzen, mag nicht immer gelingen. Aber es kann bei jeder Fahrt trainiert werden. Das Bewusstsein bestimmt das Sein – der Vorsatz heißt: Heute bin ich freundlich, höflich und zuvorkommend zu den anderen. Und der Fahrer sollte darauf achten, wirklich gut an seinem Arbeitsplatz im Auto zu sitzen, wohltemperiert, wohlgegurtet und wohlgelaunt.  


Bequem sitzen

Die einen lümmeln sich lässig und liegen fast hinter dem Steuer, die anderen sitzen kerzengerade aufrecht und ganz dicht am Lenkrad. Das ermüdet schnell, kostet Konzentration und ist im Falle eines Crashs sehr ungünstig.

Nur mit der richtigen Sitzein­stellung schont der Mensch seine Wirbel­säule und fährt entspannt. Der Sitzabstand nach vorne stimmt, wenn die Fußsohle – auf keinen Fall nur die Ze­henspitzen – voll auf dem durchgedrückten Pedal aufliegt. Das Bein sollte dabei noch leicht angewinkelt sein. Die angelehnten Arme sind auch leicht angewinkelt. Die Neigung der Rückenlehne ist rich­tig eingestellt, wenn der komplette Rücken guten Kontakt zur Lehne hat. Wenn die Handballen auf den oberen Lenk­rad­kranz gelegt werden können, ohne dass die Schultern den Kontakt zur Lehne verlieren, ist die Sitz­position perfekt. Die Höhe des Sitzes sollte so abgestimmt sein, dass der Fahrer ein gutes Gefühl für die Übersicht seines Fahrzeugs bekommt. Die Kopfstütze ist richtig eingestellt, wenn sie mit der Ober­kante des Kopfes abschließt. Die Hände sollen in den Positionen drei und neun Uhr das Lenkrad greifen.    

Gute gegurtet

Kinderkram – den Gurt richtig anlegen, das kann doch jeder, mag so mancher Leser denken. Fehlanzeige: Immer wieder müssen ACE-Moderatoren bei Sicherheitstrainings erst einmal Sitzposition und Gurtführung bei Teilnehmern korrigieren.

Denn richtig schützen kann der Gurt nur, wenn er richtig angelegt ist. Im Winter schnallen sich viele Fahrer an, obwohl sie in dicke Wintermäntel oder Daunen­jacken eingehüllt sind. Dann sitzt der Gurt nicht eng genug am Körper, das beeinträchtigt seine Rückhaltefunktion.

Vor der Abfahrt ist ein prüfender Blick auf das Gurtband nicht verkehrt: es darf nicht verdreht sein, der Beckengurt sollte auch wirklich übers Becken (und nicht am Bauch entlang) verlaufen und der Schul­tergurt ist ideal in Position, wenn er diagonal über den Brustkorb verlauft. Er darf nicht am Hals scheuern!

Den Schultergurt nach dem Anlegen erst einmal richtig straff ziehen, dass er eng anliegt. Die Gurthöhenverstellung in der B-Säule ermöglicht einen idealen Verlauf des Gurts bei jeder Körpergröße. Ganz wichtig: Kin­der bis zwölf Jahre oder 1,50 Meter Körper­größe in Kindersitzen sichern – auch bei ganz kurzen Fahrten.     

 

Prima Klima

Nachdem das Fahrzeug gestartet ist, kann die Klimaanlage ruhig auch in den Winter­monaten laufen – mindestens in den ersten Minuten. Denn die Anlage entfeuchtet den Innenraum – beschlagene Scheiben verschwinden im Nu. Wer die seitlichen Belüf­tungsdüsen so einstellt, dass die Luft an den Seitenscheiben entlangströmt, und die mittleren Düsen in Richtung Brust und Schoß von Fahrer und Beifahrer richtet, schafft sich die Basis für ein behagliches Klima. Die Temperaturen nicht zu hoch (im Winter) und nicht zu niedrig (im Sommer) einstellen: 20 bis 22 Grad Celsius empfinden die meisten In­sassen als angenehm.

Im Sommer: Ist der Innenraum stark aufgeheizt, sollte nach dem Start die Klima­anlage einige Mi­nu­ten im Umluftbetrieb laufen. Das kühlt schneller ab. Kalte Luft nicht in den Fußraum lenken – das sorgt unmerklich für kalte Füße und schränkt die Konzen­tra­tion ein. Im Winter beugt der regelmäßige Betrieb der Klimanan­lage außerdem einem Kältemittelverlust und teuren Reparaturen vor. Wer seine Klimaanlage mehrfach mo­natlich für ein paar Minuten laufen lässt, schmiert damit den Kompressor und die Dich­tungen.


ACE-Tipp

Die Verkehrssituation können Sie nicht beeinflussen. Aber Ihren Stress­faktor können Sie ändern.

Für jede Fahrt ein ausreichendes Zeit­polster einplanen. Zeitdruck ist der größte Stressfak­tor. Staus wirken dann wie Benzin, das ins Feuer geschüttet wird.

Wenn Sie bemerken, dass Sie den Termin nicht mehr rechtzeitig wahrnehmen können: Halten Sie an und teilen Sie dies der Person telefonisch mit.

Halten Sie kurz inne, ehe Sie den Motor starten. Denken Sie daran, dass Sie ganz ge­lassen fahren wollen. Seien Sie höflich und suchen Sie den Blickkontakt zu anderen Fahrern und Fußgängern. Ein freundlicher Blick oder eine entschuldigende Geste wirken Wun­der.

Aufmerksam die eigenen Reak­tionen beobachten. Akuter Stress äußert sich in negativen Gedanken und aggressiven Selbstgesprächen,  Gefühle schaukeln auf.

Wettbewerb und fahrerischer Ehrgeiz ha­ben im Straßenverkehr nichts zu suchen. Schnelle Spurts und quietschende Reifen finden dort keine Bewunderer.

Verwandeln Sie eine "Dienstfahrt" ab und zu in eine "Spazierfahrt" – ohne Stress und Zeit­druck. Fahren Sie früher los und wählen sie sich zur Belohnung eine schönere Fahrt­rou­te aus. Entspannen Sie während dieser Tour.

Stellen Sie einen Radiosender ein, der ruhige Musik auflegt. Diese verlangsamt den Puls und fördert dadurch die innere Ruhe. Oder hören Sie Ihre Lieblings-CD (oder MP3). Die positiven Emotionen, die Sie damit verbinden, reduzieren negative Gedanken.



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