Ratgeber: Sitzposition

Großes Risiko für kleine Fahrer

01.07.2010 12:00

Kleine Autofahrer müssen auf der Hut sein. Sitzen sie zu nahe am Lenkrad, drohen gefährliche Verletzungen. Das beweisen Crash-Tests der Unfallforscher.


"Hoppla, so komme ich nicht an die Pedale", sagt Anna Hendrich (Name geändert). Die 38-jährige Krankenhausfachwirtin hatte sich von einem Freund einen kompakten Kombi geliehen.

Gewohnheitsmäßig hatte die 1,55 Meter "kleine" Frau den Sitz nach vorne geschoben. In bequemen Abstand zum Lenkrad. Doch das reichte nicht. Sie musste sich regelrecht in den Affensitz, also ganz nahe ans Lenkrad zwingen. Diese Sitzposition ruft gerade bei der Männerwelt vielfach ein spöttisches Schmunzeln hervor. Doch wie so oft bei Vorurteilen: Diese enge Sitzposition ist oftmals nicht freiwillig. Die meisten Fahrzeuge sind für Normalpersonen ausgerichtet – oder auf Männer, die im Schnitt rund 1,80 Meter lang sind.

Der Affensitz ist nicht lustig, er ist gefährlich. "Das war ein Zufallsergebnis unserer Untersuchung von Unfällen mit extrem verletzten Personen", sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV).

Analysiert hatten die Forscher knapp 200 Unfallopfer, die im Straßenverkehr extrem schwere, in der Regel mehrere Verletzungen davongetragen hatten. Eine Analyse der Versicherer-Unfalldatenbank zeigte, dass beim schweren Frontalaufprall der Anteil der schweren Verletzungen bei weiblichen Fahrern um 50 Prozent über dem der männlichen liegt. Weibliche Opfer sind – vor allem im Vergleich zur Beteiligung am Verkehr – daher deutlich überrepräsentiert.

"Unsere Forschungsthese, dass kleinere Insassen stärker von schweren Unfälle betroffen werden, haben wir jetzt in Crash-Tests untermauert", sagt Experte Brockmann. Bei den Crashtests fuhren zwei Kleinwagen mit 50 km/h gegen eine starre Stufenbarriere. Beim ersten Test wurde ein 1,50 Meter großer Dummy als Fahrer so positioniert, wie es aus Sicht der Unfallforscher wünschenswert wäre. Weil der Dummy in dieser Position die Pedale nicht erreichte, wurde für den Versuch eine Pedalverlängerung montiert. Im zweiten Test wurde der Dummy so platziert, wie es in der Praxis notwendig wäre, um die Pedale zu erreichen, also recht nahe am Lenkrad. Ergebnis: Da es in der vorderen – zwangsweise eingenommenen – Sitzposition zum intensiven Knieanprall an der Instrumen-tentafel kommt, steigen die Oberschenkel-Kräfte gegenüber der optimalen Position bis zum Fünffachen an. Nun wollen die Forscher ihre Ergebnisse erhärten und haben ein rund zwölfmonatiges Forschungsprojekt gestartet. Damit soll der Druck auf die Autohersteller erhöht werden. Denn bisher kümmern die sich scheinbar nicht ausreichend um die Sicherheit kleinerer Leute.

Kein Wunder: Im Euro-NCAP, dem Europäischen Neuwagen-Bewertungs-Programm, gibt es noch keine Crash-Norm für kürzere Personen. "In den USA müssen die Hersteller hingegen, bevor ein neues Modell auf die Straße kommt, die Kleine-Leute-Sicherheit nachweisen", ärgert sich Brockmann. Mittlerweile ist auch klar, dass das Problem nicht nur bei Kleinwagen bestehe. Es ist sogar umgekehrt. Je größter ein Fahrzeug, desto schwieriger wird in der Regel eine optimale Sitzposition für kleinere Personen. 

Wer sich als Frau den "Großen" ihres Mannes leiht, sollte daher prüfen, ob tatsächlich eine bequeme Sitzhaltung, möglichst weit vom Lenkrad entfernt, möglich ist. Einziger Trost für Problemfälle bei größeren Fahrzeugen: Hier ist die Verletzungsschwere wegen der besseren Knautschzone nicht so groß. Bis endlich in Europa ein Sicherheitstest für kleinere Fahrer Pflicht wird, könnte noch einige Zeit vergehen. "Das Problem ist bekannt", bestätigt Petra Peter-Antonin von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST) aus Bergisch Gladbach. Euro-NCAP in Genf plane hierzu eine weltweite Crash-Norm. "Doch das kann noch mindestens zwei Jahre dauern", so die Bast-Sprecherin. So müsse ein neuer kleinerer Dummy entwickelt werden. Bis dahin sollten vor allem Frauen den "Affensitz" meiden. Notfalls hilft nur ein Fahrzeugwechsel.


So groß sind die Deutschen

KörpergrößeFrauen in ProzentMänner in Prozent
kleiner als 150 cm0,60,1
150 - 154 cm4,00,1
155 - 159 cm12,70,3
160 - 164 cm27,02,3
165 - 169 cm29,19,0
170 - 174 cm17,619,2
175 -179 cm6,926,1
180 - 184 cm1,823,9
185 - 189 cm0,212,8
größer als 190 cm0,16,3

Körpergröße der Deutschen - Rund 44,3 Prozent aller deutschen Frauen sind nicht größer als 1, 64 Meter. Bei den Männern sind hingegen nur 2,8 Prozent so "klein".

Quelle: www.diw.de/de/soep


ACE-Tipp

 Richtig sitzen: Nur mit der richtigen Sitzeinstellung schont der Mensch seine Wirbelsäule und fährt entspannt. Der Sitzabstand nach vorne stimmt, wenn die Fußsohle – auf keinen Fall nur die Zehenspitzen – voll auf dem durchgedrückten Pedal aufliegt. Das Bein sollte dabei noch leicht angewinkelt sein. Die angelehnten Arme sind auch leicht angewinkelt. Die Neigung der Rückenlehne ist richtig eingestellt, wenn der komplette Rücken guten Kontakt zur Lehne hat. Wenn die Handballen auf den oberen Lenkradkranz gelegt werden können, ohne dass die Schultern den Kontakt zur Lehne verlieren, ist die Sitzposition perfekt. Die Höhe des Sitzes sollte so abgestimmt sein, dass der Fahrer ein gutes Gefühl für die Übersicht seines Fahrzeugs bekommt. Die Kopfstütze ist richtig eingestellt, wenn sie mit der Oberkante des Kopfes abschließt. Die Hände sollen in den Positionen drei und neun Uhr das Lenkrad greifen.

Übrigens: Ein ACE-Sicherheitstraining beginnt immer mit der richtigen Sitzeinstellung. Denn wer nicht richtig sitzt, kann im Notfall auch nicht mit ganzer Kraft aufs Bremspedal treten. Das ist bei einer Vollbremsung aber ganz wichtig. 



Kommentare
 
 
27.07.2010

Meine angeheiratete Freundin und ich gehören seit Jahrzehnten der kraftfahrenden Zwergerlriege an.Unser Fuhrpark besteht aus einem mittlerweile zum Kulturgut der Automobil-Industrie avanciertem Umweltverpester (Sonder Kfz Wohnmobil MB601D Baujahr 1979),Golf 2 Automatic Baujahr 1990,Honda Rebel CMX 250 cc,Baujahr 1995. Diese Fahrzeuge lieben wir heiß u.innig und werden solange wie irgend möglich auf Grund unserer beruflichen u. Learnig by Doing erworbenen Fähigkeiten am Leben erhalten. Begründungbig greenas was auf dem Weltweiten Kfz.-Markt für die Kleinen angeboten wird und Argumetationen der Händlerschaft und deren ,,Fachpersonal" und dessen Vokabular War bis dato , sagen wir mal ,teilweise unter der Gürtellinie...! Abschließend danke ich meinem ACE, daß dieses Thema endlich eimal (???) zur Sprache gebracht wird. W.Lehner u. Gattin

Werner Lehner
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