Psychologie: Auto als Schutzhülle
Das rollende Nest
Die Anziehungskraft, die von chromblitzenden Automobilen ausgeht, ist ungebrochen. Des Deutschen liebstes Kind war nie ein reines Fortbewegungsmittel. Das Auto eignet sich wie kein anderes technisches Gerät "zur Weltflucht ebenso wie zur Welteroberung", hat der Philosoph Peter Sloterdijk festgestellt. "Es ist Schutzhöhle und Angriffsmittel zugleich." Soziale Unterlegenheitsgefühle können ebenso kompensiert werden wie persönliche Abhängigkeiten. Schon vor 20 Jahren wusste die US-amerikanische Trendforscherin Faith Popcorn: "Das Automobil ist eine Zweitwohnung auf Rädern." Das stimmt heute umso mehr.
Der Fahrer nimmt sein Wohnzimmer mit in die Fremde, seinen abgeschlossenen, autonomen Raum, und kann dort seinen Gewohnheiten nachgehen: rauchen, essen, Wohlfühltemperatur einstellen, Musik hören, mitsingen oder fluchen. Zudem bestimmt er Abfahrtzeit, Route sowie Mitfahrer selbst. Das Auto ist eine Heimat auf Zeit, weil es die Möglichkeit bietet, sich geschützt von der Außenwelt in ihm zu bewegen. Ein scheinbare Paradoxie von Sichtbarkeit und Isolation.
"Hierzulande besitzen die Autokäufer geradezu ein erotisches Verhältnis zu ihrem Wagen", urteilt Ferdinand Dudenhöffer, Auto-Professor an der Universität Duisburg-Essen. "Die Beziehung Auto und Besitzer baut sich über Jahre auf und wird von der Industrie sorgsam gepflegt", so der Marketingfachmann. "Kein Wunder, dass sich so mancher Autobesitzer über sein Gefährt definiert."
"Der Käufer eines neuen Autos ist im Durchschnitt fünfzig Jahre alt und damit in einem Alter, in dem er die Sicherheit zu schätzen weiß", erläutert Professor Bernhard Schlag, Verkehrspsychologe an der Universität Dresden.
"Gerade älteren Menschen und Frauen bietet das Auto viel Bequemlichkeit und vermittelt den Wohlfühleffekt, sich in einem Kokon gegen etwaige Aggressivität von außen zu befinden."
Eine hohe Sitzposition – wie sie zum Beispiel in den von diesen Zielgruppen besonders geschätzten SUV vorzufinden ist – verstärkt dieses Gefühl. Deshalb sind gerade jene Automobilhersteller besonders erfolgreich, die das Auto nicht nur als nützlichen Gebrauchsgegenstand vermarkten, sondern eher als einen, auf die Bedürfnisse des Einzelnen zugeschnittenen, Maßanzug. Manchen Käufer trifft es wie Liebe auf den ersten Blick, und er möchte sein Traumauto am liebsten gleich mitnehmen.
Dass viele Männer eine besondere Beziehung zu ihrem Auto pflegen, ist ein bekanntes Phänomen. Aber auch Frauen fühlen sich zunehmend emotional mit ihrem Wagen verbunden – so ein Studienergebnis von Aral. Die Art der Zuneigung wiederum ist grundverschieden. Männern ist Größe und Ausstattung des Autos wichtig. Für Frauen ist es in erster Linie der Begleiter im Alltag, dem sie vertrauen, der sie nicht im Stich lässt oder zu dem sie ein geradezu "kumpelhaftes" Verhältnis pflegen. Nicht selten hat der Begleiter einen Kosenamen, die Beziehung hat die Qualitäten einer Partnerschaft: "Das Auto ist mein Ein und Alles."
Der Diplom-Psychologe Micha Hilgers ist davon überzeugt, dass vor diesem Hintergrund jeder Versuch scheitern wird, den Verkehr über die Kosten oder umweltbewusste Argumente zu regeln. Auch Menschen, die täglich im Stau stehen, bleiben immun gegen die Propaganda vom Nutzen durch öffentliche Verkehrsmittel. Andererseits: Wer gerne Bus oder Bahn fährt, wird das Auto-Ich nie verstehen. Während einem in öffentlichen Verkehrsmitteln die Leute auf den Leib rücken können, sitzt der Autofahrer geschützt in seiner Sicherheitszone und fühlt sich autonom. Zeigt sich beim ICE ein Defekt, steht er eine Stunde im Niemandsland, so fühlt er sich hilflos ausgeliefert.
Das Auto als Weg aus dem Alltag zur großen Freiheit? Nicht mehr unbedingt zeitgemäß angesichts wachsender Staus, steigender Kosten und zunehmender Umweltverschmutzung. Die großen Automobilproduzenten haben sich längst darauf eingestellt und senken den Verbrauch mit jeder neuen Fahrzeuggeneration deutlich. Auch alternative Antriebe zum herkömmlichen Otto- oder Dieselmotor sind auf dem Vormarsch, dabei gehört der Hybrid-Antrieb längst zum Establishment. Der Trend geht zum Elektroauto, zumindest für die Stadt eine echte Alternative. Denn nur wenn über die Emotionen hinaus gegangen wird, kann aus dem Auto als Kokon, Freund und Begleiter auch eine langlebige Vernunftehe werden.






