Innovationen: Bediensysteme im Vergleich
Unter Beobachtung
Bediensysteme im Vergleich
Von der Rückbank aus stellen wissenschaftliche Mitarbeiter die Aufgaben und stoppen dann die Zeit
Bediensysteme im Vergleich
Für unseren HMI-Test wurden die Testahrzeuge ausschließlich auf der äußeren Kreisbahn gefahren
Bediensysteme im Vergleich
Bevor es auf die Strecke geht, erklärt Versuchsleiterin Nicole Gridling (links) den HMI-Testablauf
Bediensysteme im Vergleich
Nach den 36 Probanden wurden die Bediensysteme auch von drei HMI-Experten ausführlich getestet
Bediensysteme im Vergleich
Zur präziseren Messung der Augenpaare arbeiten die Spezial-Kameras mit Infrarot-Ausleuchtung
Bediensysteme im Vergleich
Während der Fahrt stehen die Probanden unter der Beobachtung von insgesamt vier Kameras
Video: Hier sehen Sie unseren kurzen HMI-Film (3:25 Min.).
Auf der Teststrecke in Ranshofen geht es wieder rund. Zum zweiten Mal geben sich Wissenschaftler der Universität Salzburg, die Tester von ACE LENKRAD und insgesamt 36 Probanden ein Stelldichein der besonderen Art: Der Bestseller von VW sowie seine stärksten Konkurrenten von Ford und Opel treten gegeneinander an. Bei unserem HMI-Test kommt es jedoch weder auf den Verbrauch oder das Fahrverhalten noch auf das Kofferraumvolumen an. Stattdessen stehen die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine (englisch: Human-Machine-Interfaces, kurz: HMI) von Ford Focus, Opel Astra und VW Golf im Zentrum der Aufmerksamkeit. Besonderes Augenmerk legen wir dabei auf die Ablenkungsgefahr, die von solchen Schnittstellen ausgeht. Zu klären gilt: Welcher Kompaktklässler das beste, ergo das sicherste Bedienkonzept bietet und welche Funktionen den Piloten zu stark vom Verkehrsgeschehen ablenken. Schließlich soll sich der Fahrer voll und ganz auf die Straße konzentrieren können und sich nicht in komplexen Menüstrukturen der Bordelektronik verlieren.
Zu unserem zweiten HMI-Test angetreten sind die deutschen Klassiker der Kompaktklasse. Bedingung für die Teilnahme war, dass die drei Testwagen mit den hochwertigsten Infotainment-Systemen, die die jeweilige Preisliste hergibt, ausgestattet sein müssen. Während sich in den oberen Fahrzeugsegmenten der zentral angeordnete Dreh-/Drück-Steller à la BMW-iDrive durchgesetzt hat, finden sich bei Golf & Co unterschiedliche Konzepte: Vom Touchscreen im VW über die Knopf-basierte Bedienung des Ford bis zur Opel-eigenen Version des Dreh-/Drück-Stellers reicht die versammelte Palette. Mithilfe von jeweils zwölf Probanden haben wir die Bedienung der drei Kompakten auf Herz und Nieren untersucht.
Nach einer kurzen theoretischen Einweisung dürfen sich die Testpersonen schon einmal im Stand an das Cockpit des jeweiligen Fahrzeugs gewöhnen. Auch die ersten Probeaufgaben werden stehend gelöst, bevor es endlich auf die Teststrecke des österreichischen Forschungs- und Entwicklungsdienstleiters Audio Mobil Elektronik geht. Anschließend sammeln die Forscher des Salzburger Christian-Doppler-Labors für "Contextual Interfaces" die ersten Eindrücke der Probanden im Interview. Hier schneidet die aufgeräumte Optik des VW-Systems besonders gut ab: Zwei Drittel der Tester äußern sich positiv über ihren ersten Golf-Eindruck und attestieren dem Wolfsburger mehrheitlich: "Die Bedienung ist einfach." Beim Opel fällt das Ergebnis mit 53 zu 47 deutlich knapper, aber immer noch überwiegend positiv aus. Jedoch erwartet die Mehrheit der Probanden einen höheren Lernaufwand, um die Aufgaben lösen zu können. Dagegen empfinden 58 Prozent der Befragten die Bedieneinheit im Ford Focus als eher negativ. Vor allem der kleinste Bildschirm im Test erregt die Gemüter: "Das Display ist klein und etwas versteckt", hört man auf die Frage nach dem ersten Eindruck, den der Kölner vermittelt, häufiger.
Bei der Lösung der gewerteten Aufgaben sind die Testfahrer ausschließlich auf der äußeren – 64 Meter messenden – Kreisbahn unterwegs. Während der Fahrt werden die Probanden nicht nur von einem der Wissenschaftler von der Rücksitzbank aus beobachtet, sondern auch von vier Kameras, die auf dem Armaturenbrett montiert sind. Die Kameras sind auf die Augen der Tester gerichtet und liefern dank zusätzlicher Infrarot-Ausleuchtung ein präzises Bild der Blickrichtung des Fahrers. Diese Eye-Tracking genannte Methode hält sowohl die Richtung als auch die Dauer der Blicke fest, die nötig sind, um die gestellten Aufgaben zu lösen. Die Gesamtzeiten stoppt der wissenschaftliche Mitarbeiter von der Rückbank aus.
Alle Probanden müssen vier Aufgaben lösen: das Eingeben einer kompletten Zieladresse im Navigationsmenü, das Auswählen eines bestimmten Senders, einen vorgegebenen Gesprächspartner aus dem Telefonbuch anrufen und schließlich die Lautsprecher-Verteilung (Fader) aus der Mittellage nach hinten regulieren. Allessamt Anforderungen, die – so oder in ähnlicher Form – tagtäglich von vielen Autofahrern bewältigt werden. Mit Abstand am schnellsten gelöst wurde
die Lautsprecher-Einstellung. Mit 16 (VW), 17 (Opel) und 18 (Ford) Sekunden liegen die drei Systeme so dicht beieinander wie bei keiner anderen Aufgabenstellung. Hier weiß die Touchscreen-Bedienung des Wolfburgers zu überzeugen. Die Probanden im Golf benötigten für diese Aufgabe nicht nur am wenigsten Zeit, auch die Ablenkung fällt am niedrigsten aus. Lediglich 6,8 Sekunden der Gesamtdauer verweilen die Augen der Testpersonen durchschnittlich auf dem Display des Wolfsburgers. Zum Vergleich: Im Astra und Focus vergehen jeweils mehr als neun Sekunden.
Erstaunlich lange dauert dagegen die Auswahl eines vorgegebenen Radiosenders. Von knapp 25 (VW) über 27 (Opel) bis hin zu gut 29 Sekunden (Ford) reicht die Skala. Mit der Aufgabendauer steigt auch die Anzahl der Blickwechsel. Sind bei der Boxenverstellung nur neun bis elf Wechsel nötig, so wandern die Augen der Probanden auf der Suche nach dem vorgegebenen Sender schon 16 (VW) bis 19 (Ford und Opel) Mal zwischen Display und Straße hin und her – grenzwertig! Dass es noch risikoreicher geht, beweist die Telefon-Aufgabe. Zur Anwahl eines vorgegebenen Kontakts aus dem Telefonbuch benötigt die Golf-Truppe fast 47 Sekunden! Noch schlimmer: Während der Lösungsschritte schauen die Probanden knapp 30 Sekunden lang auf das Display. Dabei wandern die Blicke nun schon 34 Mal hin und her. Pro Anruf verharren die Augen der VW-Probanden im Durchschnitt einmal sogar mehr als zwei Sekunden lang durchgehend auf dem Bildschirm. Das bedeutet bereits bei Tempo 50 einen "Blindflug" von knapp 30 Metern – nur für diesen einen Blick. Das ist zu viel, darin sind sich auch die Wissenschaftler einig. In mehreren Studien wird daher darauf hingewiesen, dass eine einzelne Blickablenkung nicht länger als zwei Sekunden dauern sollte.
Fast 20 Sekunden schneller steht die gewünschte Telefonverbindung im Ford. Zwar bedarf es auch beim Focus durchschnittlich eines Blicks von mehr als zwei Sekunden, jedoch kann die Gesamtzeit auf 29 Sekunden reduziert werden und auch die Dauer der Blicke auf das Display ist mit knapp 16 Sekunden nahezu halb so lang wie beim VW. Dass die Telefon-Aufgabe deutlich schneller gelöst werden kann, beweisen die Probanden im Astra. Mit der durchschnittlichen Dauer von 22 Sekunden benötigt die Opel-Truppe nicht nur die Hälfte der Golf-Zeit, sondern bleibt damit sogar deutlich unter der Dauer, die die Probanden im VW ausschließlich auf das Display schauen. Mit 9,27 Sekunden fährt der Astra bei dieser – schon recht komplexen Anforderung – seine absolute Bestzeit ein.
Während der Rüsselsheimer beweist, dass dieser Aufgabentyp auch fahrend gelöst werden kann, disqualifizieren sich Focus und Golf allein durch den jeweiligen Blick von mehr als zwei Sekunden. Daher empfiehlt es sich bei beiden, auf die Suche nach einem Telefonbucheintrag während der Fahrt zu verzichten und die wichtigsten Kontakte lieber mithilfe von Schnellwahltasten zu organisieren.
Bei der Eingabe einer kompletten Zieladresse wird die Ablenkungsgefahr aller drei Systeme mehr als deutlich. Die Gesamtzeiten für diese Aufgabe liegen zwischen 88 (VW), 119 (Opel) und 131 Sekunden (Ford). Allein deshalb sollte die Adresseingabe ausschließlich im Stand vorgenommen werden. Noch schwerer wiegen jedoch die insgesamt 57 (VW), 58 (Opel) und 78 Sekunden (Ford), in denen die Probanden nur das jeweilige Display vor Augen haben und das Verkehrsgeschehen gar nicht beachten können. Außerdem riskieren bei dieser Aufgabenstellung erstmals alle drei Probanden-Gruppen durchschnittlich mindestens einen Blick (Opel), der länger ist als zwei Sekunden. Im Golf sind es derer fünf und im Focus sogar acht "Langzeit-Blicke". Auch die Anzahl der Blickwechsel erreicht bei dieser Aufgabe Negativ-Rekordwerte: Zwischen 54 (VW) und 73 (Ford) Mal müssen die Augen der Testpersonen zwischen Straße und Bildschirm hin und her schwenken. Das ist nicht nur grenzwertig, sondern schreit geradezu nach klaren Regelungen.
Zumal in der Fachliteratur bereits seit Jahren Kriterien zu finden sind, an denen sich die Automobilindustrie messen lassen muss. So stellte ein Forscher-Team aus den USA im Jahr 2002 klar, dass eine sichere Bedienung während der Fahrt nur dann möglich ist, wenn die Blickabwendung – die zur Lösung einer einzelnen Aufgabe benötigt wird – insgesamt nicht länger als 20 Sekunden andauert. Einzelne Blicke sollten, den US-Forschern der Driver-Focus-Telematic-Working-Group zufolge, die Zwei-Sekunden-Grenze generell nicht überschreiten.
Doch davon sind die derzeit verbauten Systeme eindeutig zu weit entfernt. Von einer sicheren Eingabe einer kompletten Ziel-adresse während der Fahrt, kann keine Rede sein. Zum Schutze ihrer Kundschaft und im Sinne der allgemeinen Verkehrssicherheit sollten die Hersteller die manuelle Eingabe solcher Adressen ausschließlich im Stand erlauben. Auch wenn diese Einschränkung in unserer digital-geprägten Zeit anachronistisch erscheint, so hinken die aktuellen Be- diensysteme ihrer Funktionsvielfalt hinterher und bedürfen dringend einer Modernisierung. ACE-Tipp für Navi-Nutzer: Gehen Sie auf "Nummer sicher" und programmieren Sie die Zieladresse nur im Stand!
Auch die abschließende Befragung der Probanden zur subjektiv erlebten Anstrengung weist in dieselbe Richtung. Auf der – von 0 bis 220 reichenden – Skala zur Erfassung von Arbeitsbezogenheit (SEA) ergibt sich für die Navigationsaufgabe ein Mittelwert von 81, während sich die drei anderen Aufgaben im 30er-Bereich einordnen. Damit unterstreicht diese Befragung die Ergebnisse aus der Eyetracking-Auswertung: Das Eingeben einer kompletten Adresse wird durchschnittlich als mindestens doppelt so anstrengend eingestuft wie die anderen Aufgaben.
Fazit
Im Vergleich der drei Kompaktwagen erkämpft sich der Opel Astra den ersten Platz. Sein Infotainment-System lenkt den Fahrer insgesamt am wenigsten ab und zwingt ihn durchschnittlich lediglich bei der Navi-Aufgabe zu einem Blick, der länger als zwei Sekunden dauert. Knapp dahinter landet der VW Golf, dessen Touchscreen-Logik zwar im Stand als sehr übersichtlich bewertet wird, dann jedoch während der Fahrt mehr Konzentration erfordert. Der Focus fährt auf dem dritten Platz über die HMI-Ziellinie. Obwohl das Ford-System – von den getesteten Festeinbauten – am jüngsten ist, lässt sich der Focus am wenigsten intuitiv bedienen.
Einzelkritik: Bediensysteme Ford Focus: Sony Navigationssystem, Opel Astra: Navi 900, VW Golf: RNS 510
Hintergrundbericht: Portables Navi im HMI-Check
Interview: Drei Fragen an Thomas Stottan, Geschäftsführer des Elektronik-Zulieferers Audio Mobil
So haben wir getestet
Ergebnis-Tabelle: Bediensysteme im Vergleich
Im Rahmen unseres HMI-Tests untersuchen wir, wie stark die Bedienung vom Verkehrsgeschehen ablenken kann. Für den nunmehr zweiten Test der Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine haben wir die Topsysteme im Ford Focus, Opel Astra und VW Golf gewählt. Die Planung und Durchführung des Versuchs erfolgte, wie schon beim letzten Mal, in Zusammenarbeit des Christian-Doppler-Labors und ACE LENKRAD. Um repräsentative Ergebnisse zu erreichen, kamen pro Fahrzeug zwölf Probanden – in drei Altersklassen (von 20 bis 65 Jahren) mit jeweils sechs Frauen und sechs Männern – zum Einsatz. Sie hatten vier verschiedene Aufgaben zu bewältigen. Zusätzlich mussten alle Testpersonen die Eingabe einer Zieladresse mit einem portablen Navigationssystem von Tomtom bewältigen. Gefahren wurde auf der abgesperrten Teststrecke – einer Kreisbahn mit 64 Metern Durchmesser – des F&E-Dienstleisters AUDIO MOBIL in Ranshofen, Österreich. Zur Aufgabenstellung und der anschließenden Zeitmessung begleitete ein/-e Wissenschaftler/-in die Fahrten auf der Rücksitzbank. Die Blickrichtung und -dauer wurde mithilfe von vier speziellen Kameras – unterstützt durch Infrarot-Strahler – erfasst. Eine Kamera-Brille, die die Probanden beim letzten HMI-Test noch tragen mussten, ist dadurch nicht mehr nötig. Nach jeder Fahrt wurden die Testfahrer interviewt. Dabei gingen die persönlichen Eindrücke zum Schwierigkeitsgrad der einzelnen Aufgaben ebenso in das Ergebnis ein wie die subjektiv empfundene Attraktivität der Lösungsschritte. Neben den 36 Probanden, die allesamt keine Erfahrungen im Umgang mit den getesteten Systemen hatten, nahmen auch drei Interface-Profis an unserem Test teil. Sie untersuchten den Bedienungsaufwand und die Übersichtlichkeit anhand der von Wissenschaftlern der Universität Salzburg erstellten Richtlinien.
Weitere ACE LENKRAD Artikel zu HMI:
- Ablenkungsmanöver (Bediensysteme im Vergleich, Teil 1)
- Blick nach vorn (Interaktion im Auto)
- Bediensysteme Audi MMI, BMW iDrive, Mercedes Comand
Hallo, Herr Schmidt,
vielen Dank für den Navi-Vergleich.
Die von Ihnen erwähnte Sternchen-Taste rechts oben beim RNS 510 ist in meinem Golf die Sprachbedientaste. Viele Funktionen im Infotainmentbereich lassen sich mittels Sprache bedienen. Und da diese Taste nahezu ´blind´ gedrückt werden kann, können die Hände da bleiben, wo sie beim Fahren hingehören, nämlich ans Lenkrad. Auch ist beim Sprechen keinerlei Blickwendung erforderlich, so dass die Aufmerksamkeit vollständig beim Verkehrsgeschehen bleiben kann.
Mit freundlichen Grüßen
Karlheinz
@Moritz: FALSCH! Navi 900 hat die Möglichkeit der Sprachsteuerung ALLER Infotainmentsystemfunktionen! Das ist der Nachteil am WWW.







Hätte man im Golf die Premium-Freisprechanlage getestet, so wäre garkein Blick auf ein Display notwendig gewesen. Die Premium-FSE versteht die Spracheingaben über das Mikrofon. Beim Astra gilt dies für das Navi 900 für die Navigationseingaben, leider aber nicht für die Freisprechanlage.