Produkt-Test: Sommerreifen

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01.03.2010 12:00

ACE und GTÜ testen zwölf Sommerreifen der Dimension 205/55 R 16 91V und vergeben erstmals das von der EU geforderte Reifenlabel. Ist die neue Kennzeichnung hilfreich für den Käufer?


ACE-Sommerreifen-Test

ACE LENKRAD hat gemeinsam mit der GTÜ zwölf Sommerpneus des Größe 205/55 R 16 getestet

ACE-Sommerreifen-Test

Aquaplaning-Test: Gemessen wird, bei welcher Geschwindigkeit die Reifen aufschwimmen

ACE-Sommerreifen-Test

Leises Abrollen ist gewünscht: das Vorbeifahrgeräuschs wird in den in dB(A) gemessen

ACE-Sommerreifen-Test

Beim Nasshandling führen Fahrzeit und subjektive Bewertung des Fahrverhaltens zum Ergebnis

ACE-Sommerreifen-Test

Auf dem anspruchsvollen Trocken-Handlingskurs wechseln sich schnellen und langsamen Kurven ab

ACE-Sommerreifen-Test

Die subjektiven Fahreindrücke und die Messwerte werden vor Ort verglichen und diskutiert

ACE-Sommerreifen-Test

Die kurvenreiche Nasshandling-Strecke des Testgeländes ist gleichmäßig mit Wasser benetzt

Ab Herbst 2012 verlangt die EU eine Kenn­zeich­nung von Rei­fen, wie sie von Kühlschränken oder Wasch­­-ma­schinen be­kannt ist. Dieses Label be­schränkt sich dabei auf wenige Kriterien, die stark auf Umwelt­verträglichkeit abzielen. Wich­tige Reifenparameter für mehr Sicherheit im Straßenver­kehr fehlen dagegen im Label. Für den Auto­fahrer ist ein ausgewogener Rei­fen, der unter allen Alltagsbe­din­gungen optimale Fahrsicher­heit bietet, je­doch unerlässlich. Unter dieser Prämisse haben ACE und GTÜ ihren aktuellen Sommerreifen­test durchgeführt – und auch das künftige Label auf den Prüf­stand gestellt: Hilft die Kenn­zeichnung beim Reifenkauf?

Aber der Reihe nach: Zunächst stehen die Nässedisziplinen auf dem Testprogramm. Bremsen aus 80 km/h auf bewässertem Asphalt. Die Ergebnisse sind teils erschreckend. Das Billig­pro­dukt aus China, der Wanli, will scheinbar überhaupt nicht anhalten. Der Golf rutscht und rutscht, kommt erst nach 44,4 Me­tern zum Stillstand. Alle anderen bleiben im Nassbrem­sen unter der 40-Meter-Marke. Der beste im Test, der Conti Pre­mium Contact 2, steht schon nach 31,5 Metern. Was das im Alltag bedeuten kann, zeigt eine einfache Rechnung. An der Stel­le, wo der Conti-bereifte Golf steht, rutscht der Wanli-bestückte noch mit mehr als 50 km/h vorbei. Ein Auffahrunfall mit schwersten Verletzungen für die Insassen wäre die Folge.

Wie stellt sich diese Situation für den Kunden an der Theke des Rei­fenfachhandels dar? Wie sieht das Label für den gefährlichen China-Import aus? Ver­geben werden sieben "Noten": Von A für die beste bis G für die schlechteste Leistung in dieser Disziplin (siehe unten). Nach den Kriterien des EU-Labels erhält der Wanli für diese indiskutable Leistung immerhin noch ein "E". Dies ist zwar eine klare Abwertung, reicht nach Überzeugung unserer Reifen-Exper­ten aber nicht als un­miss­verständliche Kauf-Warnung, die angesichts dieses Sicher­heitsdefizits angebracht wäre!

Auf dem bewässerten Handling­kurs müssen die zwölf Pneus beweisen, dass sie das ausgesprochen gutmütige Fahr­ver­halten eines VW Golf nicht nach­teilig verändern. Hier kann der Dunlop überzeugen, der, ob­wohl im Nassbremsen nur als "B" eingestuft, im Handling durch angenehme Fahrzeugreaktionen auftrumpft. Dafür gibt es beim ACE-Test die gleiche Punktzahl, die der Beste im Nass­brem­sen, der Conti, erhält. Überraschen kann der Reifen von Sava, der hier trotz des günstigen Preises mithalten kann. Er zieht in dieser Disziplin mit den viel teureren Reifen gleich und besticht durch weiche, jederzeit kontrollierbare Reaktionen auf kritische Fahrzustände.

Aquaplaning, eine für die EU-Labeling-Kommision nicht kenn­zeichnungswürdige Reifen­ei­gen­schaft, ist für die Sicherheit auf unseren Straßen von erheblicher Bedeutung. Wer kennt sie nicht, die Längsrinnen auf der der Autobahn? Schnell sammelt sich hier, auch bei leichtem Re­gen, das Wasser zu einer durchgehenden, langen Pfütze. Im Test schwimmt der mit Wanli bereifte Golf schon bei 66 km/h un­lenk- und unbremsbar auf einem Wasserkeil dahin. Er­schre­ckend, würde jetzt ein Lkw von hinten mit 80 km/h herandonnern. De­bica und GT Radial schwimmen bei etwas mehr als 70 km/h auf – kaum besser. Die meisten Teil­nehmer folgen bei etwa 80 km/h. Die Pneus von Goodyear und Uni­royal fühlen sich im Wasser­becken besonders wohl und räumen die volle Punktzahl ab.

Nicht nur auf der Geraden, sondern auch in Kurven lauert die Aquaplaningfalle. Beispiele hier­für gibt es in der Praxis genug. Die zügig gefahrene Autobahn­ausfahrt mit kleinem Wasserlauf nach einem Unwetter. Auch in diesem Kapitel sind der Good­year und der Uniroyal spitze. Die Konstrukteure trimmten diese beiden Produkten speziell auf diese Wetterbedingungen hin. Sie bieten große Sicher­heits­reserven bei Nässe. Der preiswertere Sava schafft ebenfalls den Sprung in die Premier League. Er erreicht gute Werte, fällt kaum hinter die beiden deutlich teureren Reifen zurück.

Kann der Billigreifen auch im Trockenen mithalten? Naturge­mäß und der Physik folgend müs­sen die Sieger auf nassem Parcours im Trockenen Federn lassen und umgekehrt erleben "wasserscheue" Pneus hier oft eine Auferstehung. Den Spagat schaffen Dunlop und Conti. Ihre Bremswege sind auch auf tro­ckener Straße sehr kurz. Der billige GT Radial bremst mit 37,1 Metern so kurz wie der  Uni­royal. Aus­rutscher leisten sich Debica und Wanli.

Im Handling auf trockenem Rundkurs stellen die Premium­produkte ihre Ausgewogenheit unter Beweis. Keine Regel ohne Ausnahme. Der Goodyear muss seiner offenen Profilgestaltung – spitze im Aquaplaning – hier Tri­but zollen und verliert. Sava, bei Nässe fast auf dem Niveau der Premiummarken, fällt deutlich zurück. Besonders in schnellen Kurven ist der Golf mit dem Sa­va kaum in der Spur zu halten.

Diese Ergebnisse interessieren die EU-Kommision für das Rei­fenlabeling allerdings nicht. Und der Schalldruck des Vorbeifahr­geräuschs, gemessen in dB(A), präsentiert sich eher als abstrakter Zahlenwert denn als wirkliche Lebenshilfe. Was bedeutet es, wenn ein Rei­fen – wie der GT Radial – mit 69,9 dB(A) ab­rollt? Oder wie störend sind die 72,8 dB(A) des schlech­testen Rei­fens in dieser Diszi­plin? Je höher der Zahlenwert, desto lauter empfindet der Mensch das Rollgeräusch. Zehn dB(A) mehr entsprechen dabei einer empfundenen Verdoppe­lung des Lärms.

Beim Rollwiderstand, der Ein­fluss auf den Kraftstoffver­brauch hat, wollte die EU-Kom­mission bewusst "Spielraum nach oben" lassen – und hat da­bei die Messlatte zu hoch angelegt: Selbst auf leichtes Abrollen optimierte Pneus wie der Mi­che­lin erreichen nur eine Ein­stufung in die Klasse "E". Der schlechteste im Test, der Sava, hat einen um 22 Prozent höheren Rollwiderstand und verbraucht damit etwa sechs Pro­zent mehr Sprit. Trotzdem erhält er noch die Klassifizie­rung "F".

Fazit
Das neue Reifenlabel be­schreibt die Reifeneigen­schaf­ten nur annähernd und vernachlässigt wichtige Reifenei­gen­schaf-­ten wie beispielsweise das Aqua­planing völlig. Genaue Informa­tionen bieten nur ausführliche Reifentests.

Info-Grafik: Alle getesteten Sommerreifen im Überblick

Meinung: Eigen-Zertifizierung ersetzt keine unabhängigen Tests

 


Neues Reifenlabel der EU ab 2012

Die Europäische Union verpflichtet alle Hersteller, ab 2012 ihre Reifen in puncto Rollwiderstand, Nässehaftung und Abroll­geräusch zu kennzeichnen. Bekannt ist diese Art Label für den Endver­brau­cher hauptsächlich durch die Kennzeichnung der "weißen Ware": Bei Kühlschränken und Wasch­maschinen sind sie schon lange Stan­dard. Im Falle der Reifen zertifizieren die Hersteller ihre Produkte selbst. Die Messungen werden auf firmeneigenen Testgeländen rund um den Globus durchgeführt und in Relation zu den Werten eines Referenzreifens gesetzt. Die Abweichungen, die durch Unterschiede bei Fahrbahnbeschaf­fenheit, Temperatur und Luftfeuchtigkeit bei den Messungen entstehen, versucht man durch ein Rechen­modell auszugleichen.

ACE und GTÜ haben zwölf Reifenfabrikate "gelabelt" und präsentieren hier die Ergebnisse. Eine gezielte Kaufentscheidung, die mehr Sicherheit im Straßenverkehr verspricht, scheint danach kaum möglich. Die von der EU gewählten Klassen und Werte für die Gebrauchseigen­schaften der Pneus beschreiben den Reifen nicht umfassend. Viele sicherheitsrelevante Reifen­eigenschaften werden dabei überhaupt nicht berücksichtigt. Bei­spielsweise gerät die Aquaplaningsicherheit vollständig ins Hinter­treffen.

Das Reifen-Label der EU, das erst ab 2012 vorgeschrieben, feiert bereits beim ACE-Reifentest des Jahres 2010 Premiere: Wir haben die zwölf Sommerprofile "gelabelt" und präsentieren hier erstmals die offiziellen Bewertungen.


So haben wir getestet

Die Testfahrten absolvieren wir auf dem "Contidrom" der Conti AG. Als Testfahrzeuge dienen verschiedene VW Golf VI. Der Rollwiderstand wird unter exakt definierten Bedingungen von Temperatur und Luftdruck auf einem Rollenprüfstand in kg/t ermittelt.

Zur Ermittlung des Bremsweges wird das Messfahrzeug an einer Schiene geführt. Damit ist sichergestellt, dass die Bremsung auf immer exakt demselben Asphaltabschnitt erfolgt. Die Messgenauigkeit wird so stark erhöht. Die Bremsweglänge bezieht sich auf die Strecke die das Fahrzeug zwischen 80 km/h und 20 km/h zurücklegt.

Die kurvenreiche Nasshandlingstrecke des Testgeländes ist permanent bewässert und gleichmäßig mit Wasser benetzt. Neben der reinen Fahrzeit gehört die subjektive Bewertung des Fahrverhaltens zur Ergebnisfindung. Änderungen des Fahrverhaltens führen zur Abwertung.

Die Messung der Aquaplanigsicherheit auf der Geraden und in der Kurve erfolgt in Wasserbecken von jeweils sechs Millimetern Wassertiefe.

Auf der Geraden wird jene Geschwindigkeit gemessen, bei der der jeweilige Reifen den Bodenkontakt verliert. Der Fahrer beschleunigt im Wasserbecken bis die angetriebenen Vorderräder die Haftung verlieren.

In der Kurve ist der Abfall der Zentrifugalkraft bei der Durchfahrt des Wasserbeckens der Bewertungsmaßstab. Ein Abschnitt einer Kreisbahn ist dazu mit Wasser gefüllt. Der Fahrer steigert die Kurvengeschwindigkeit von Runde zu Runde in Stufen von fünf km/h bis der Reifen den Bodenkontakt im Wasserbecken verlieren und die Querbeschleunigung zusammenbricht.

Analog zum Fahrverhalten bei Nässe erfolgt auch die Trockendisziplin auf einem kurvenreichen Handlingkurs mit schnellen und langsamen Kurven. Auch hierbei zählen die Fahrzeit und eine subjektive Bewertung des Fahrverhaltens. Die Bremswegmessung auf trockenem Asphalt erfolgt aus 100 km/h. Die Messung des Außengeräuschs erfolgt auf einer mit Normasphalt beschichteten Strecke. Das Fahrzeug rollt mit 80 km/h antriebslos an den Mikrofonen der Schallpegelmesser vorbei. Je höher der Wert je lauter ist der jeweilige Reifensatz.

 

 



Kommentare
 
 
15.03.2010

Hallo Albert,

 

wie habt Ihr die Nassrutschwerte in das Nassrutschlabel umgerechnet. Seit Ihr Uniroyal Tiger Paw als Nulllinie (und Bezugspunkt) für das Label mitgefahren

 

MfG

 

Holger

Holger Rehberg
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